, Günther Wallburg / Brigitte Bernert

Frankreich und der deutsche Südwesten-Themenjahr des Landesverbands Staatliche Schlösser und Gärten Baden-Württemberg

09/2019

Ziemlich gute Freunde - Frankreich und der deutsche Südwesten

von Günther Wallburg

Die Städtepartnerschaftsvereinigung SPV hat zusammen mit dem BK-BL das Themenjahr 2019 des Landesverbands Staatliche Schlösser und Gärten Baden-Württemberg aktiv in die Tat umgesetzt und daraus einzigartige Projekttage entwickelt, während denen gemeinsam mit Besuchern aus der Partnerstadt Villaines la Juhel die Spuren der Geschichte vor Ort bei Vorträgen und individuellen Sonderführungen ergründet und diskutiert wurden.

Der Landesverband ist die zentrale Stimme der historischen Monumente in unserem Land. In Zusammenarbeit mit diesem Verband und dafür ausgewählten Schlossverwaltungen haben 20 Teilnehmer auf Initiative des Vorstands der SPV und des BK-BL, Günther Wallburg sowie der freien Architektin, gleichzeitig auch bei Führungen des Landesverbands mitwirkend, Brigitte Bernert, bei insgesamt acht Sonderführungen vom 12. bis 17. September an historischen Schauplätzen wie Hirsau, Birnau, Salem, Gerlingen-Schillerhöhe, Ludwigsburg, Schwetzingen und Bruchsal einen bunten Querschnitt dieses einzigartigen kulturellen Erbes gezeigt, immer fokussiert auf die speziellen Besonderheiten des Nachbarlandes Frankreichs und des deutschen Südwestens. Über Religion, Krieg und Frieden wie über Herrscher, Geistliche und Künstler wurde an diesen Tagen von auserwählten, meistens zweisprachigen Führerinnen Interessantes und oft kurioses berichtet wie ebenso über die unterschiedliche Lebensart und herausragenden Meisterwerke, Architektur und die besondere Gartenkunst. 

Den Auftakt dieses einzigartigen Deutsch-Französischen Freundschaftstreffens bildete ein zusammenfassender Einführungsvortrag von Dr. Jürgen Schläfer über die wechselvolle, tausendjährige Geschichte beider Länder. Frankreich und Deutschland liegen im Herzen Europas und haben dessen Geschichte entscheidend mit geprägt. Wer Europa verstehen will, so Schläfer, muss sich daher auch die Frage stellen: Wie entstanden diese Länder und wie haben sie sich kulturell und politisch gegenseitig beeinflusst.

Brigitte Bernert führte selbst durch die Hirsauer Reform und ihre Cluniazensischen Wurzeln des 10. bis 12. Jahrhunderts in der Aurelius Kirche und des Klosters St. Peter & Paul zu Hirsau. Cluny hatte damals die Vorreiterrolle in der Welt der Klöster. Der Hirsauer Abt Wilhelm propagierte das Modell von Cluny auch im deutschsprachigen Raum und Hirsau wurde dadurch als Schwester zu Cluny Drehscheibe deutscher Politik und Zentrum päpstlicher Propaganda. 

Ein Höhepunkt barocker Prachtentfaltung erfuhr man bei Kaiserwetter beim Besuch der Wallfahrtsbasilika Birnau und einer großen kunsthistorischen Sonderführung im Kloster und Schloss Salem. Das eindrucksvolle Chorgestühl des Münsters sowie die „Wunder des Stucks“ im Bernhardusgang, Sommerrefektorium und in den prachtvollen Innenräumen des Schlosses – im Kaisersaal, dem Abtsalon und in den privaten Räumen des Abtes sind dabei nur Auszüge dieser prachtvollen Epoche. Karl Joseph Riepp aus dem oberschwäbischen Ottobeuren war längst einer der bedeutendsten Orgelbauer Frankreichs, als er zwischen 1768 und 1774 mit vier Orgeln im Salemer Münster die größte Orgelanlage errichtete, die bis dahin jemals in einer Kirche erbaut wurde. Die Orgel, um 1900 mit einem romantischen Orgelwerk ausgestattet, wird als Besonderheit den Gästen durch den Münsterorganisten erläutert und sogar gespielt. Die Anlage verdankt ihre Entstehung dem Zusammentreffen von Meister Riepp und dem Salemer Reichsprälaten Abt Anselm II. Riepp, der sich zudem mit dem Titel Weinhändler des französischen Königs schmückte, belieferte den Salemer Abt nicht nur mit kostbarem Wein, sondern auch mit Rebstecklingen aus dem Burgund. Aus der Freundschaft dieser beiden Persönlichkeiten entwickelten sich seinerzeit ein schwungvoller internationaler Weinhandel zwischen Dijon, Salem und Ottobeuren, sowie geistliche, politische und künstlerische Beziehungen zwischen Oberschwaben und Frankreich.

Bei einer weiteren Führung à la Française öffnete das Schloss Solitude seine Pforten. Vom „Souterrain“ durch die „Beletage“ bis ins „Appartement“ des Herzogs – viele Begriffe, die bei diesem Rundgang auf den Spuren Frankreichs zu hören sind, kennt man auch heute noch. Wie alle Herrscher seiner Zeit ließ sich auch der „duc de Wurtemberg“, Herzog Carl-Eugen, von der Kunst und Kultur des Nachbarlandes inspirieren. Französische Kultur und Lebensart gelten bis heute als besonders elegant. Noch viel mehr war Frankreich im 18. Jahrhundert das Vorbild – vor allem für die Höfe. Fünf Mal reiste Herzog Carl Eugen von Württemberg nach Paris, er engagierte französische Künstler und ließ im Theater französische Werke aufführen. Schloss Solitude zeigte den Gästen im Besonderen seine Verehrung für Frankreich – im Großen und in vielen Details. 

Wie eng verflochten die Geschichte Württembergs mit Frankreich verwoben ist, zeigt sich besonders eindrucksvoll beim weiteren Besuch in Ludwigsburg. Das Residenzschloss in Ludwigsburg steckt voller Hinweise darauf, von Familienbanden bis zu Kriegen und Bündnissen. Und auch gemeinsame Zukunftsvisionen lassen sich hier erleben – etwa bei den Staatsempfängen der Bundesrepublik, am Beginn mit Charles de Gaulle und Konrad Adenauer, und im 21. Jahrhundert mit Angela Merkel und François Hollande. Bereits 1397 verlobte sich Henriette de Montbéliard mit Eberhard IV. von Württemberg, unzählige weitere Ereignisse zwischen Württemberg und Frankreich folgen. 1950 fand die erste Begegnung zwischen den Bürgermeistern von Montbéliard, Lucien Tharradin und Elmar Doch, Ludwigsburg statt. Daraus resultiert die erste Deutsch- Französische Städtepartnerschaft. Beim heutigen Deutsch-Französischen-Freundschaftstreffen aus dieser Städteliaison im Ehrenhof des Schlosses nahmen sehr willkommen auch wir Gäste aus Bad Liebenzell und Villaines la Juhel teil.

Der letzte Tag wurde vormittags Schwetzingen und den französischen Hofkünstlern gewidmet. Geometrische Formen bestimmten die französischen Gärten des Barock. Das Herzstück des Schwetzinger Gartens, das Zirkelparterre, folgt exakt diesem strengen Ideal. Von hier aus geht es zu einer ausgiebigen Erkundung des Gartens. Da ist dann plötzlich gar nichts mehr geometrisch: Denn im Lauf der Zeit entwickelte sich der Schwetzinger Garten stilistisch weiter, sehr zum Vergnügen der Besucher. Die Bruchsaler Tapisserien wurden ebenfalls besucht. Seit dem 16. Jahrhundert förderte das französische Königshaus die Produktion von Tapisserien. Solche Wandteppiche gehörten in der höfischen Repräsentationskultur des 18. Jahrhunderts zur wichtigsten Ausstattung bedeutender Räume. Auch die Fürstbischöfe ließen ihre Beletage kostbar ausstatten. Das Residenzschloss Bruchsal als ehemaliges höfisches Zentrum des Hochstifts Speyer beeindruckt seit seiner Wiedereinrichtung der sogenannten „ Belétage“  im Frühjahr 2017 nicht nur mit seiner barocken Originalausstattung des 18.Jhs, sondern beherbergt auch mit über 70 Wandteppichen eine der größten Tapisserie-Sammlungen Deutschlands. Die meisten der Original-Wandteppiche wurden in Frankreich gefertigt. Unter dem späteren König Ludwig XIV gab es sogar zwei „ Königliche Manufakturen“ - in Paris und im nordfranzösischen Beauvais. Eine weitere Manufaktur befand sich in Aubusson.

Der krönende Abschluss bildete das Deutsche Musikautomaten-Museum im gleichen Gebäude. Das Museum stellt einen Traum vor, der so alt ist wie die Musik. Schon zu allen Zeiten wollten die Menschen Musik hören, ohne selbst ein Instrument betätigen zu müssen. Aus riesigen Schränken, in denen ganze Orchester verborgen zu sein scheinen, ertönen plötzlich Walzerklänge, Schlagermelodien, ja jede Art von Musik - in bester Tonqualität. Die Tasten von Flügeln und Klavieren wurden wie von Geisterhand bewegt, Orgelklänge bezaubern, Geigen spielten unter Klavierbegleitung wie von selbst zum Tanze auf. Als die Marseillaise ertönt, lauschten alle andächtig den Tönen und reflektierten über die besonderen Projekttage sowie die unglaubliche Geschichte und die einzigartige Freundschaft beider Nationen. 
Städtepartnerschaften wurden in der Nachkriegszeit hauptsächlich zur Völkerverständigung gegründet. Unzählige Austausche und Begegnungen resultierten daraus. Internationalisierung und Globalisierung wie auch die Gesellschaften verändern jedoch den Focus. Thementage wie diese und gezielte Projekte fördern die Verbreiterung des Wissen übereinander und gewinnen daher immer mehr an Bedeutung.